von Goatstorm » 11. Juni 2009, 12:13
Weil in Deutschland die jungen Leute lieber für ein Webzine schreiben, als die Gitarre in die Hand zu nehmen.
Was in Skandinavien sicher dazu beiträgt, dass es seit den 90ern unzählige gute junge Bands gibt, ist der staatliche Support für junge Musiker. Das beginnt beim geeigneten Proberaum und endet bei Fördergeldern für Studioaufenthalte. Junge Bands haben so wesentliche bessere Ausgangsmöglichkeiten als in Deutschland. Wie die Situation in den USA und Kanada ist, kann ich allerdings nicht sagen.
Zum zweiten hat Skandinavien eine andere Metal-Tradition. Der Einfluss der NWOBHM ist von jeher stärker, wohingegen die jungen deutschen Bands, wenn sie sich auf die eigene Tradition berufen, vor allem Stampfmetal a la Accept, Thrash oder die großen Bands wie Manowar oder Maiden (vermittelt durch die zwei Magazine) haben. Ich sehe es ähnlich wie Storming the Gates - Deutschland konnte auch früher (außer im Thrash Metal) nie wirklich mithalten. Im Vergleich zu Übersee oder zu England war Deutschmetal schon immer - von ein paar Ausnahmen abgesehen - zweite oder dritte Liga.
Ein anderer Faktor ist, dass in Deutschland die Mainstream-Presse wesentlich dominanter ist, als z.B. in Skandinavien. Rock Hard und Metal Hammer bestimmen letztlich, was Metal ist. Traditioneller Stoff kommt darin nicht vor, weswegen junge Bands in der Regel nicht mal wissen, dass es auch noch ältere Bands jenseits von Maiden gibt. In England herrscht mit dem Kerrang die gleiche Situation, weswegen es auch dort kaum gute neue traditionelle Bands gibt. In Skandinavien und den USA gibt es mangels meinungsdominierender Metalpresse mehr Freiräume, in denen junge Musiker stöbern können, weil sie eben nicht ständig mit Exodus, Volbeat und Slipknot zugemüllt werden.
Was mir in Deutschland auch auffällt ist, dass alles gezwungener und aufgesetzter wirkt. Wenn eine deutsche Band sich in 80er-Style präsentiert (wie es z.B. Enforcer tun), wirkt das meist wie Karneval - bei den jungen skandinavischen Bands kommt es total natürlich rüber. Oder es ist bei den Deutschen von vornherein als Parodie auf "Metal-Klischees" angelegt, weil es ja so wichtig ist, eine ironische Haltung gegenüber traditionellem Heavy Metal einzunehmen. Der Umgang mit Tradition ist in Deutschland wesentlich verkrampfter als anderswo. Das liegt zum einen wiederum an der Stellung von traditionellem Metal in den beiden Magazinen - wenn man nicht gerade zum persönlichen Freundeskreis von Götz zählt, hat man keine Chance - zum anderen die bescheuerte Haltung in Deutschland, dass Musik möglichst immer komplex, intelligent, progressiv und neu sein muss. Ein Band wie BULLET wäre in Deutschland völlig unmöglich, weil Metal in Deutschland keinen Spaß machen und man auf keinen Fall die Einflüsse raushören darf, weil man sonst bei der Internet-Intelligenzija und Prog-Polizei, ohnehin schon unten durch ist. Hauptsache anders, Hauptsache eigenständig... In Skandinavien und den USA scheint mir das wesentlich unkomplizierter. Die jungen Leute machen halt einfach die Musik, die ihnen Spaß macht, scheißegal ob's eine 1:1 ACCEPT-Kopie ist oder ein Riff mal von Maiden stibitzt ist, scheißegal, ob's jetzt "neu" oder "innovativ" oder "intelligent" ist. Und diese Unbekümmertheit und Natürlichkeit spürt man dann einfach - sowohl auf der Bühne, als auch auf Platte. Da steckt Energie und Leidenschaft dahinter, da wirkt nichts verkrampft und kalkuliert, wie bei vielen deutschen Bands, die sich in erster Linie darum bemühen "anders zu sein", obwohl sie am Ende ohnehin wieder klingen wie tausend andere. Vor allem im Stageacting merkt man das auch, dass v.a. junge Ami- und Schwedenbands eine ganz andere Ausstrahlung auf der Bühne haben.
Sblood, thou stinkard, I’ll learn ye how to gust … wolde ye swynke me thilke wys?