THE GATES OF SLUMBER ┼

Schreibt euch die Finger wund über das große Thema "Metal" - über neue Platten, neue Bands, Konzerte etc.

Moderator: Loomis

Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon The-Aftermath » 10. Oktober 2014, 17:20

THE GATES OF SLUMBER und Jason Mccash – 1998-2013/1975-2014. Ein Nachruf, Teil 2.

I.

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Today the sun sets on all my days
My eyes will shut
We will fly away
I hold your hand
By my side you lay
Together forever
This farewell day


Ein Jahr ist es her, dass ich den ersten Teils meines Nachrufs zu THE GATES OF SLUMBER geschrieben habe. Damals, im Oktober 2013, war die Band gestorben. Karl und Jason aber, das Herz und die Seele der Band, waren fest entschlossen, weiter zu machen und bald neue musikalische Wege zu gehen. Nun, zwölf Monate später, ist alles anders. Karl hat mit WRETCH eine neue Heimat gefunden und bereitet sich darauf vor, fast zwei Jahre nach dem letzten Lebenszeichen von THE GATES OF SLUMBER, wieder neue Musik aufzunehmen. Jasons geplante Projekte zu hören, bleibt uns jedoch verwehrt. Am 5. April 2014, im Alter von 38 Jahren, verstarb Jason Mccash unerwartet. Mit dem viel zu frühen Tod eines der talentiertesten Musikern der klassischen Heavy Metal- und Doom-Gemeinde verlor die Szene nicht nur ein wahres Aushängeschild des neuzeitlichen Underground-Metals, sondern THE GATES OF SLUMBER waren somit auch endgültig, und auf traurigste Art und Weise, Geschichte. „Ich werde diese Band niemals ohne Jason machen“ sagte Karl bereits kurz nach der Trennung 2013. Nach dem Tod seines besten Freundes und musikalischen Partners, nur eine kurze Nachricht auf der Facebook-Seite. Die Band ist tot. „Toter als tot“.

Selbst jetzt, wenn ich diese Worte tippe, fällt es mir schwer das Geschehene rückblickend zu begreifen. Die Trennung der Band war abzusehen und zu verkraften. Der Tod von Jason aber, den ich nicht gekannt zu haben behaupte, aber für mich einer der inspirierensten Persönlichkeiten unserer Musik war und als Musiker einen Großteil der für mich wichtigsten Lieder aller Zeiten verfasst hat, lässt mich nach wie vor fassungslos zurück angesichts der unerbittlichen Härte, mit der das Schicksal zugeschlagen hat. Vielleicht habe ich deshalb so lange gebraucht um diesen Nachruf fortzusetzen, der jetzt auch Jason gewidmet ist, denn mit dem Tod von Jason und damit der Band endete auch urplötzlich und auf schmerzvolle Weise ein Abschnitt meines Lebens, durch den THE GATES OF SLUMBER mich auf Schritt und Tritt begleitet hatten. Jetzt war alles vorbei.

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Ich traf Jason zweimal, im April 2011. Die Band war gerade auf Tour mit PLACE OF SKULLS um ihr fünftes Album „The Wretch“ zu promoten. Der nächstgelegenste Halt für mich war Lenzburg, in der Nähe von Zürich. Nach zwei Jahren, in denen ich die Band rauf- und runtergehört hatte, war es endlich Zeit sie live zu sehen! Leider war „Iron“ Bob Fouts nicht mehr dabei, seit er 2010 aus persönlichen Gründen die Drumsticks an „Cool“ Clyde Paradise übergeben hatte. Und von „The Wretch“ kannte ich keinen Ton, da das Album noch nicht erhältlich war. Ich konnte es trotzdem kaum erwarten und war schon Stunden vorher am winzigen Veranstaltungsort, einer Kneipe am Rande der Kleinstadt. Das Publikum außer mir: Zwei Bettler und fünf oder sechs Metalheads aus der Gegend. Von der Band weit und breit keine Spur. Also begann das Warten, bis kurz vor 9 Uhr, das Konzert hätte langst beginnen sollen, ein grüner Van in den Hinterhof reingerast kam. Bevor ich meine zitternden Hände beruhigen konnte und mein überteuertes Schweizer Bier kräftiger umschließen konnte, stiegen Karl und Jason aus dem Van, gefolgt von Victor Griffin und seiner Band. Ich stand also in meinem „Hymns Of Blood and Thunder“-Shirt wie der allerletzte Depp im Türrahmen des Hintereingangs und wusste nicht ob ich angesichts des mächtigen Eindrucks der Band weglaufen oder mich unter den Barhocker vekriechen sollte. Bevor ich mich für eine der beiden Optionen entscheiden konnte, lief Jason auf mich zu, nahm mich in den Arm und begrüßte mich, ohne dass wir uns vorher je getroffen hatten. Wir hatten E-Mail Kontakt gehabt und er erkannte mich am T-Shirt, trotzdem war dieser erste Kontakt gleichzeitig überwältigend und stellvertretend für die Freundlichkeit und Zugänglichkeit von Jason und Karl. Jason erklärte mir, dass sein Bassamp in Nürnberg am Abend zuvor den Geist aufgegeben hätte und sie daher viel zu spät losgefahren wären. Obwohl die Band als unter Zeitdruck stand und auf die Bühne musste, nahm Jason sich kurz Zeit um mit mir zu reden. Einige Monate vorher, im Winter 2010, hatte er mir, ebenfalls komplett unerwartet, einen Karton mit Shirts, zwei Singles und einer ultrararen Pressung von „Villain Villain“ zugeschickt, als ich ihn nur um ein signiertes Poster bat. Dafür revanchierte ich mich an dem Abend mit einer SLOUGH FEG-CD, auch wenn mein Geschenk seinem nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte. Karl kam schließlich noch dazu und die ganze Band unterschrieb mein Tourposter. „Cool“ Clyde wollte das gleich mit ein paar besonderen Substanzen zelebrieren aber ich lehnte dankend ab und belästigte in meiner Nervosität lieber Karl mit den dümmsten Fragen die ihm wohl je jemand gestellt hatte. („Euhh... so... did you bring the van from the U.S.?“)

Eine halbe Stunde später nahm die Band auf der winzigen Bühne Platz, vor der ich mich bereits in Stellung gebracht hatte. Zusammen mit den geschätzten acht anderen Fans, plus den Bettlern. Los ging es mit „The Scourge of Drunkenness“, einem Song des damals neuen Albums. Meine Hoffnung, „Riders Of Doom“ oder „Blood and Thunder“ zu hören, verfolg schnell, aber nichtsdestotrotz genoss ich jede Sekunde des viel zu kurzen Gigs, bei dem ich Jason ohne Ausnahme auf die Finger schaute und von Karls superfetten Riffs nach hinten gedrückt wurde. Dann Song zwei... „THIS IS DEATH DEALER... for Michael!“. Ab da stand ich dann den ganzen Abend neben mir, bis ich wieder in der schmutzigen S-Bahn Richtung Zürich saß.

Von dem Abend gibt es sogar ein paar Fotos:

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Nur knapp zwei Wochen später machte die Band in Essen Halt und da unser guter Freund Odium (Wo bist du?) mich zu sich einlud, konnte ich das Angebot nicht abschlagen und fuhr Richtung Norden um die Band ein zweites Mal zu sehen. Leider fand das Konzert am KIT-Wochenende statt und somit fanden nur geschätzte dreißig Menschen ihren Weg zum Turock. Das Konzert wäre beinahe abgesagt worden, doch am Ende konnte die Band zum Glück auf die Bühne. Ich glaube fast, es hatte mit Herrn Odiums unermüdlichen Optimismus zu tun, den er an diesem Abend zu Tage legte. Fast im Alleingang feierte er die Band an und nachher durfte ich einen sturzbetrunkenen, aber sehr glücklichen Odium mit einem „Hymns Of Blood and Thunder“-Vinyl unterm Arm nach Hause tragen. Das Konzert war eines der wenigen Headliner-Auftritte der Band und auch wenn die Setlist wieder sehr „Wretch“-lastig war, präsentierte die Band sich gewohnt mächtig und wurde mit einem tollen Sound einer sehr guten Beleuchtung ausgestattet. Auch hier hatte ich die Gelegenheit, noch einmal kurz mit der Band zu reden und meinte zu Jason, dass wir uns sicher bald wieder sehen würden. Dazu kam es leider nicht mehr... Ein Grund mehr diesen Abend in besonderer Erinnerung zu behalten, danke Odium!

II.

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Thunder
Shattering bone
Raging fury
Eyes as hard as stone
Fearsome
The dealer
Of death has finally come


Odium hatte mich an diesem Abend in Essen gebeten, darauf aufzupassen, dass er nicht zuviel Geld für Merchandise ausgäbe. Daraus wurde dann nichts und ich gestehe, dass ich ihn nicht davon abhielt als er Karl „Hymns Of Blood and Thunder“ abnahm. Ich glaube er nahm es mir nie übel, denn „Hymns Of Blood and Thunder“ ist ein Meilenstein des neuzeitlichen, klassischen Heavy Metals und für mich... nun ja, die beste Platte aller Zeiten. Eine Ansicht, die ich zwei Jahre vorher, als das Album veröffentlicht wurde, sicher nicht verteidigt hätte. Damals, das „Conqueror“-Fieber hielt unvermindert an, zählte ich die Tage bis zum Release, dann wartete ich jeden Tag nach der Schule auf das Amazon-Paket. Als die CD nach ewigem Warten endlich kam, rannte ich zur Stereoanlage, drückte auf „Play“ und... war enttäuscht. Viel rauher, viel ungehobelter und allgemein brutaler drangen die Songs aus den Boxen. Keine Spur zunächst von der fast leichtfüßigen Erhabenheit eines „Trapped in the Web“. Dafür das furztrockene „Chaos Calling“ und gleich danach der „Death Dealer“, eine MANILLA ROAD-Version des Songs „Saint Vitus“.

Zumindest das epische „Doom Of Aceldama“ und der unglaubliche Rausschmeisser „Blood and Thunder“ zündeten sofort und ließen zumindest keinen Zweifel an der Größe der Band. „Doom Of Aceldama“ war Jason zufolge seine persönliche Meisterleistung und es stimmt: Kein anderer Song der Band bewegt sich durch soviele Stimmungen, Höhen und Tiefen hindurch wie dieses achtminütige, ergreifende Monstrum, das alles auffährt, was den klassischen Heavy Metal ausmacht: Ausladene Riffs, akustische Zwischenspiele, dramatischer Gesang, ein sich immer steigerndes Gefühlspulverfass das sich schließlich in den alles zerreissenden Zeilen „Oh why? Why father? Why am I the bastard one? Why can't I be forgiven?“ entlädt, bevor ein wundervolles Gitarrenlead den Song bis zum Finale trägt. Das atmosphärische „Age of Sorrow“ gewährt eine kurze Verschnauffpause. Auch hier kreiert die Band eine Stimmung, die nur selten auf Band festgehalten werden kann. Irgendwie scheinen besonders US-Bands ein Händchen zu haben für diese ganz besonderen Melodien, die einen sofort in Sword&Sorcery-Welten eindringen lassen. THE GATES OF SLUMBER sind hier keine Ausnahme. Aber dann! Gleich der nächste schwere Brocken in Form von „Bringer of War“ und im Anschluss eine Doomwalze par excellence, das unglaubliche schwere „Descent Into Madness“. Nein, ein zweites „Conqueror“ war das nicht. Zum Glück! Wenn „Conqueror“ der Kampf in einem fackeldurchleuchteten Palast ist, in dem der Held an Bergen von Schätzen vorbei rennt und die Frau aus den Händen des Priesters berfreit, dann ist „Hymns Of Blood and Thunder“ die Flucht in die Wildnis, der untergehenden Sonne entgegen, die dunklen Berge vor einem, blutrot getränkt von der Dämmerung.

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Das Album ist sperriger, unzugänglicher, abstoßender auch. Aber nicht ein Album hat es in meinen Augen in den letzten 15 Jahren geschafft, sämtliche Facetten des echten Heavy Metal so souverän einzufangen. „Hymns Of Blood and Thunder“ bietet das volle Programm jenseits aller Subgenre-Grenzen. Eine Wohltat, die an Zeiten erinnert, als sich noch nicht jeder in sein eigenes Mini-Genre zurückgezogen hatte und „Metal“ ein vielseitigerer und damit spannenderer Begriff war. „Hymns Of Blood and Thunder“ vereint das Anspruchsvolle von „Piece of Mind“ mit der Düsternis von „Saint Vitus“, das Melodische von „Mob Rules“ mit der Aggressivität von „Overkill“, das Epische von „The Deluge“ mit der Kraft von „Hail to England“. Nie waren THE GATES OF SLUMBER interessanter, abwechslungsreicher und mutiger als auf dieser Platte. Wer seinen Metal nur lauwarm und harmlos mag, dem wird halt mit aller Wucht in Form von „Bringer of War“ oder „Beneath The Eyes of Mars“ eingeprügelt wie echter Metal wirklich zu klingen hat, und woher er seine vielfältigen Einflüsse zieht. THE GATES OF SLUMBER hatten keine Angst davor die Grenzen ihres eigenen Subgenres zu überschreiten ohne dabei auch nur ein Füncken Integrität zu verlieren oder von ihrem musikalischen Pfad abzukommen. „Hymns Of Blood and Thunder“ ist ein Zeugnis von Karls und Jasons Vision, von ihrer Kompromisslosigkeit und vor allem: ihrem Talent. Kein Track fasst das besser zusammen als das „Blood and Thunder“. Wie eine Flutwelle rast der Vierminüter über den Hörer hinweg, vereint brutale Härte mit der Erhabenheit von „Heaven and Hell“ und klingt am Ende in einem der ergreifendsten „Oho“-Parts der Metalgeschichte aus, bei dem nicht billiger Kitsch, sondern pure Emotionen durchbrechen. Ein User im Hellride-Forum hat diesen Moment einmal perfekt beschrieben, so dass ich ihm hier das Wort überlasse:

The band has taken you on a series of sonic journeys through blood-stained battle fields and crazed mountain peaks. By the end of it, the outro makes you feel a sense of nostalgia for the sixty or so minutes you just spent taking in these "hymns." That nostalgia has led me to start playing the damn thing over again many a time. Not many albums have that effect on me.


Die Schlacht ist vorbei. Aber ist der Krieg gewonnen? Erntete die Band den verdienten Erfolg nachdem sie 2009 schon seit über sechs Jahren im Underground ackerten? Goatstorm hegte in seinem Review von „Hymns Of Blood and Thunder“ damals Zweifel daran, ob die Band den „Durchbruch“ (im Sinne des Undergrounds) mit Rise Above schaffen könnte. Leider sollte er mit seinen Zweifel Recht behalten. Der Erfolg von „Hymns Of Blood and Thunder“ blieb größtenteils aus, selbst in unserem kleinen Kreis wurde bereits bedauert, dass das Album nicht die Klasse des Vorgängers halten könnte. Die Band, selbst zwar hochmotiviert, verbrachte die restlichen einanhalb Jahre damit, im Vorprogramm kleinerer Doom- oder Stonerbands durch die Staaten zu touren. Einige Auftritte an der Seite von SLOUGH FEG oder sogar eine Tour als Opener für PENTAGRAM waren für Karl und Jason drin, aber eine Headliner-Tour schien nicht realisierbar zu sein und in Europa ließ sich die Band länger nicht mehr blicken, es sei denn als sehr kurzer Opener für CATHEDRAL, z. Bsp. im Winter 2010. Die Ambitionen der Band, die hauptsächlich darin bestanden, regelmäßig touren und neue Alben aufnehmen zu können, erhielten schließlich den nächsten Dämpfer: „Iron“ Bob Fouts, der beständigste und auch beste Drummer der Bandgeschichte, verließ die Band irgendwann im Laufe des Jahres 2010 aus persönlichen Gründen, wobei der dauernde Tourstress anscheinend eine Rolle gespielt haben soll. Die Band wurde ein Opfer ihrer eigenen Ambitionen bevor die Geschichte überhaupt ins Rollen kommen konnte. Von Rise Above kein Spur einer effektiven Vermarktung, dafür überteuerte Deluxe-Versionen ihrer Alben und Shirts in billigster Qualität, die man auch noch für teures Geld von England aus einfliegen lassen musste. Nachdem die Band 2009 scheinbar kurz davor stand, die Welt im Sturm zu erobern, blickten sie 2010 schon wieder in den Abgrund. Eine Reihe schwerer persönlicher Schicksalsschläge wie der Tod von Jason Mutter zu Beginn der PENTAGRAM-Tour setzten der Band schwer zu. Der epische Heroismus des letzten Albums verpuffte angesichts der Düsternis des Alltags.

III.

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I've a poison in my veins
Blackened thoughts to bring me down
Memory pains to haunt my brain
In a maze I'm lost never to be found


Der Abgang von Bob Fouts und die persönliche Entwicklung der Band beendeten Ende 2010 eines der wichtigsten Kapitel in der Bandgeschichte, das des „Conan Crushing Doom Metal“, sprich des episch gefärbten Heavy Metal der Alben „Suffer No Guilt“ bis „Hymns Of Blood and Thunder“. Die Entwicklung war nicht nur von musikalischer Konsequenz: Lyrics, Artwork und Image waren entscheidend von der Ausrichtung geprägt gewesen. Mit dem fünften Album sollte sich dies nun alles ändern. Karl ließ schon früh verkünden, dass das nächste Album eine Rückkehr zum puren Doom von „The Awakening“ werden würde. Keine Schwerter, keine Barbaren, keine Akustik-Gitarren. Nur die Verzweiflung und die Abgründe des Alltags als Inspiration und die ersten SAINT VITUS-Alben als Ausgangspunkt. Zumindest schien sich jetzt ein Neuanfang für die Band abzuzeichnen. Rise Above ermöglichte ihnen, im Winter 2010/2011 in London unter der Führung von Produzent Gomez ein neues Album aufzunehmen. Mit von der Partie: Der neue Drummer „Cool“ Clyde. Im englischen Winter nahm die Band acht Songs auf, die Karl und Jason zufolge ihr bestes Material überhaupt darstellten. Frei von dem Zwang, schon wieder ein Conan-Album aufnehmen zu müssen und ohne den Wunsch wieder in die Welt des Fantastischen einzudringen, schrieb die Band einige ihrer persönlichsten Texte. Ganz konsequent blieben Karl und Jason jedoch nicht: Ein Robert E. Howard-Song fand seinen Weg auf den Album, genauso wie ein Lied über das antike Rom. Auch die Musik war, als „The Wretch“ im April 2011 endlich erschien, nicht die erwartete Rückkehr zu „The Awakening“-Zeiten. Während das Debüt unglaublich roh und finster klingt, tut sich „The Wretch“ schwer damit, einem roten Faden zu folgen und stolperte zwischen zähem Old School-Doom und nicht ganz geglückten Experimenten hin und her. Während das Duo Simon/Mccash sonst ein Garant für perfekt komponierte Songs war, leiden auf dem fünften Album viele Stücke an Überlänge, an uninspirierten Instrumentalpassagen und ingesamt an einer gewissen Lethargie, welche die Band erschreckend schwachbrünstig daher musizieren sieht.

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Nicht an allen Stellen missglückt die neue Formel: Das Titelstück ist ein ergreifender Doombatzen, der eine von Karls besten Gesangsleistungen enthält und die Band immer noch in Bestform zeigt. Das ebenfalls sehr persönliche „Day of Farewell“ von Jason beginnt extrem stark, bevor die Band es jedoch verpasst, musikalisch auf den Punkt zu kommen. Nichtsdestotrotz blitzt an allen Ecken und Enden das Gespür der Band für großartigen Doom auf, nur kann das Gesamtpaket auch nach drei Jahren nicht überzeugen. Ich für meinen Teil war damals schrecklich enttäuscht von dem Material. Einerseits zolle ich der Band Respekt für ihre Integrität, für ihre Entscheidung, das aufzunehmen was sie selbst für richtig hielten, für ihre allgemeine Ehrlichkeit. Andererseits kommt man nicht herum festzustellen, dass die Abkehr von dem klassischen Metal der „Conqueror“-Ära nicht nur Image- oder Artworktechnisch Folgen hatte. Das Fantasy-Element, was für viele vielleicht nur eine visuelle Rolle spielte, war letztlich viel mehr: Es war die entscheidende Zutat, die „Conqueror“ zu einem viel größeren Album als seine Vorgänger machte. Die Zuwendung zu MANOWAR, CIRITH UNGOL und MANILLA ROAD war kein bloßer Abklatsch anderer Bands, sondern die Erfindung einer komplett eigenen Identität und damit auch Musik. So entstand der einzigartige Sound dieser Alben, gegen den der geradlinige Doom von „The Wretch“ unspannender, gewöhnlicher wirkt. Karl und Jason sind Meister ihres Handwerkes und „The Wretch“ ist alles andere als ein austauschbares Doom-Album. Aber das Quäntchen Magie, was die Vorgänger über die Konkurrenz hinweg hob, war vergangen.

Es war jedoch gut, dass ich mit meiner Meinung nicht die Mehrheit repräsentierte. „The Wretch“ bekam sowohl in Europa als auch in den Staaten mehr Aufmerksamkeit und bessere Resonanzen als der Vorgänger. Die Band fühlte sich in ihrem neuen Pfad bestätigt und zumindest Karl verabschiedete sich schon mal vom Image und der Musik der früheren Alben. Er bezeichnete „Hymns Of Blood and Thunder“ sogar als den für ihn schwächsten Release der Band. Ein Kommentar, den ich erstmal verdauen musste. Es war aber nicht aller Tage Abend, die Band war zu neuen Taten bereit und kündigte sogar an, dass zumindest 2013 ihr bisher produktivstes Jahr werden würde. Nachdem die Band zumindest 2011 wieder in Europa getourt war und 2012 Bob Fouts zurück gekehrt war, sahen die Zeichen gut aus. Die persönlichen Probleme ließen jedoch nicht nach, und so wurde die Europatour 2013 abgesagt. Neben gesundheitlichen Hindernissen stand die Band auch finanziell schlecht dar. Während einer Tour mit CHURCH OF MISERY wurde Karls Haus komplett ausgeräumt, unter anderem wurde ein Tape mit Demos für das nächste Album entwendet. Trotz aller Widrigkeiten veröffentlichte die Band Anfang 2013 ihr letztes musikalisches Lebenszeichen, die EP „Stormcrow“. Der grandiose Opener „Death March“ weckte erneut große Erwartungen, welche die Band aber nicht erfüllen konnte. Der Rest des Materials präsentierte die Band zwar durch Bobs Drumming wieder tighter, aber ähnlich orientierungslos wie auf „The Wretch“. Die Band wendete sich erneut einem staubtrockenen Doom Metal hin, dem ich ihnen zu jeder Sekunde abnehme, der aber auch die angeschlagenen und geschwächten Menschen dahinter durchschimmern lässt. Trotzdem war „Stormcrow“ ein würdiges, letztes Lebenszeichen der Band. Der programmatische Titel „Death March“ zeigte die Band wieder in alter Form: Ein alles niederwalzendes und erhabenes Stück Doom Metal, in dem Jason mit seinen Basslinien brilliert, während Karl eine ergreifende Gesangslinie und eines seiner besten Gitarrensoli hinzufügt und Bob unablässig auf die Felle einschlägt. So verabschiedete sich die Band zumindest mit diesem Titel unbeabsichtigt in ihrer besten Form, als eine der talentiertesten, mächtigsten Doom Metal Bands der Neuzeit.

IV.

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Auf „Stormcrow“ sollte ein weiteres Album folgen, aber im Herbst 2013 überschlugen sich die Ereignisse. Jason verließ die Band, kurz darauf löste Karl sie offiziell auf. Mit dem Tod von Jason im April sollten sich die Worte des letzten Songs auf „Stormcrow“ auf traurige Weise bestätigen:

„This is the end, my lonely fried.“

THE GATES OF SLUMBER ließen eine beeindruckende Diskografie zurück, eine große Sammlung toller Metalsongs und vor allem einen langen Weg voller Strapazen, Rückschlägen und auch Erfolgen. Die Band spielte sich Anfang des neuen Jahrtausends, lange vor dem Metal-“Boom“, langsam nach vorne. Nur wenige andere Bands arbeiteten so beständig, so hart und so enschieden. Karl und Jason verfolgten ihre Vision fern jeder Kompromisse und spielten ihre Musik letztlich nur für sich. Dass die Band ihren Weg konsequent zum bitteren Ende ging, ist vielleicht auch ein Grund für ihren geringen Erfolg vor einem größeren Publikum. Selbst für Underground-Verhältnisse war die Aufmerksamkeit, die die Band erhielt gering im Vergleich zur Qualität und zur Beständigkeit ihrer Veröffentlichungen. THE GATES OF SLUMBER blieben immer eine Nischenband, die selbst nicht alle Sacred-Metaller überzeugen konnte. Genau das macht sie zu meiner Lieblingsband. Nicht weil sie ein Geheimtipp war, sondern weil sie so unangepasst, so eigenständig war. Die Band war selbst im Underground ein Außenseiter. Wie der Nerd, der in der Schule immer in der hintersten Ecke steht und den die coolen Kids mit Misstrauen beäugten und nie ganz Ernst nahmen. THE GATES OF SLUMBER waren nie stylisch, sie waren nie „trendy“ im Sinne des aktuellen Undergrounds. Die Band bestand aus hässlichen Typen mit ebenso bedrückenden und finsteren Lebensgeschichten. THE GATES OF SLUMBER konnte man sich nicht einfach auf die Jacke sticken. Es gab keine engen Jeans, sondern Barbaren-Artworks, kein Okkultismus, sondern SAINT VITUS-Riffs, keine verstaubte NWOBHM-Anbiederungen, sondern eisenharten Metal. Nein, in einer Szene, die sich immer mehr auf das Visuelle fokussiert und in dem Trends, seien es modische wie musikalische immer eine Rolle spielen, waren Karl und Jason nie „cool“. Und für mich ging es im Metal immer darum, ein Außenseiter zu sein. Nicht akzeptiert zu werden. Anders zu sein. THE GATES OF SLUMBER haben das repräsentiert. Nicht gewollt, nicht weil sie es irgendwie forciert hätten. Sie waren einfach so. Karl hat nicht nur über Barbaren gesungen, er ist der Barbar. Die Band hat wie ihre Musik ausgesehen, wie ihre Musik gelebt. Das machte sie so echt, so überzeugend. Zumindest für mich.

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Zuletzt geändert von The-Aftermath am 10. Oktober 2014, 19:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Mousika » 10. Oktober 2014, 18:02

Aftermath... GENIAL! Respekt und Anerkennung! Ich hatte Gänsehaut beim Lesen. <3 lichen Dank!!!
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Darth Bane » 10. Oktober 2014, 18:04

brrrr Aftermath....jetzt muss ich erstmal meine Gänsehaut abschütteln,die ich auch oft genug beim hören von TGOS Songs gehabt hab.
Ein wirklich klasse geschriebener Beitrag,auch wenn ich nicht mit all deinen Meinungen konform gehe.The Wretch hat mich wegen des Stilbruchs anfangs auch irritiert,aber entpuppte sich nach mehreren Durchläufen als wahre Doomperle.
Für mich haben TGOS jedenfalls nicht eine schlechte Platte gemacht,ob wahrer Doom oder die Barbarian Metal Ära.

Und ich glaube solche Musik kann man als relativ sozial abgesicherter Deutscher gar nicht machen.Es muss verdammt hart sein als amerikanischer Musiker ohne kommerzielle Einflusse knallhart sein Ding durchzuziehen.Dafür kann man sie nur bewundern.Leider konnte ich die Jungs nur einmal live sehen(am KIT) aber das wuchtige Bassspiel von Jason war schon phänomenal und hat mich schwer beeindruckt,die Performance ging völlig in der Musik auf.

So jetzt muss ich erstmal "God Wills It" auflegen :yeah: danke für den geilen Beitrag :yeah: :yeah:
Zuletzt geändert von Darth Bane am 10. Oktober 2014, 20:40, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn Herr der Ringe Klassik ist,dann ist Conan Heavy Metal!!!"
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Max Savage » 10. Oktober 2014, 18:27

Danke.

Absolut großartig geschrieben.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Michael@SacredMetal » 10. Oktober 2014, 18:30

Gott, ist das toll.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Metalfranze » 10. Oktober 2014, 19:45

Verdammt ist das geil geschrieben!
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon The Butcher » 10. Oktober 2014, 19:46

Danke für den tollen Beitrag. Ganz groß.

Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass hier jetzt "Hymns Of Blood And Thunder" läuft.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Ulle » 10. Oktober 2014, 19:55

Wow, echt wow <3
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Cimmerer » 10. Oktober 2014, 21:35

Ich bin echt platt und weiß kaum was ich sagen soll...ich belasse es mal dabei: vielen Dank für diesen wunderbar geschriebenen, genialen und ergreifenden Post.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Fire Down Under » 10. Oktober 2014, 22:05

Ganz großes Hallenhalma! Ich glaube, ich sollte mich langsam auch mal mit der Band beschäftigen...
:ahasoso:

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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Pavlos » 10. Oktober 2014, 22:51

Sehr schön geschrieben. I fucking love it!!

:yeah:
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon birdrich » 11. Oktober 2014, 00:48

Das ist Herzblut pur. Ich verstehe das alles und stimme zu.
Eine band, die sich nie verbogen hat und die posthum vielleicht das bekommt, was sie verdient hat: Respekt.
Habe damals The Gates of Slumber und die erste Pale Divine angebeeeetet/heute immer noch.
Dieses persönliche Requiem ist bitter und informativ und so umfangreich, dass ich passen muss.
Zum eigentlichen Beitrag: Unglaublich, so viel Zeit und Gedanken zu investieren...Wahnsinn.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Mirco » 11. Oktober 2014, 15:09

Großartig geschrieben! Einer der besten Beiträge dieses Forums.
"Wir wollen eure Hirne aus der Schädeldecke nehmen, ein wenig mit ihnen herumspielen und sie dann verkehrt herum wieder einsetzen."
(Chris Reifert, Autopsy)

Zum Protzen: https://www.musik-sammler.de/sammlung/minimeini/
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon birdrich » 11. Oktober 2014, 15:22

Absolut. Das ist schon nahe an der Perfektion.
Auch richtig geil fand ich den Beitag, wo sich ein kleiner Junge ne Gitarre kauft, war irgendwie off topic...
Egal, das TGOS -Epos ist wirklich grandios. Und ja, ich bin neidisch, weil ich so nicht schreiben kann.
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Re: THE GATES OF SLUMBER ┼

Beitragvon Michael@SacredMetal » 11. Oktober 2014, 16:09

Ein berührender, sehr emotional geschriebener Nachruf einer der größten Doombands der Erde:

Teil 1: http://sacredsacredmetal.blogspot.de/20 ... chruf.html

Teil 2 (neu!): http://sacredsacredmetal.blogspot.de/20 ... eil-2.html
For all the words unspoken, for all the deeds undone,
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