von Hugin » 20. Mai 2013, 23:38
So, auch ich bin zurück von meinem Trip in den nicht ganz so wilden Nordwesten und zunächst einmal die Standard-Message aller meiner bisherigen RHF-Besuche vorab: Es war toll, ich habe dieses Mal extrem viele sehr nette alte und neue Bekannte getroffen und auch die Zeit gehabt, mich anständig und lange mit ihnen zu unterhalten, weil die Belegschaft im Metalmarkt zahlreich genug war, dass es nicht in Stress ausarten musste, und weil die jüngeren Kollegen vom Magazin den Löwenanteil der Schreibarbeit übernehmen. Von daher: Viel Zeit für die gemütliche Seite eines Festivals, was leider sonst viel zu oft zu kurz kommt. Location, Wetter und Ambiente haben diesen Genusseffekt dann noch einmal deutlich vervielfacht, von daher war die Geschichte rundum gelungen. Komplett sehen konnte ich insgesamt "nur" neun Bands, aber das war gut so. Nichts verpasst, was ich bereuen müsste, außer vielleicht meine Heimaterde-Thrasher von Fleshcrawl, aber aus beruflichen Gründen konnte ich am Freitag definitiv nicht früher dort sein. Und NAGLFAR wollte ich eigentlich auch unbedingt sehen, aber erstmals in Real Life einen hiesigen Boardler kennen zu lernen und zwei Stunden zu quatschen, war dann doch wichtiger.
Damit zu den Eindrücken von den Bands:
Freitag:
ASHES OF ARES -
Könnte was werden, wenn die Songs im Studio spannend arrangiert werden. Die Live-Perfomance fand ich dagegen sehr blass und etwas untight. Es klang nach einer noch nicht gut eingespielten Band mit guten Musikern und einem starken Sänger, für die es aber viel zu früh war, in dieser neuen Konstellation einen Co-Headliner zu geben...
U.D.O. -
... und direkt vor dieser ultra-tighten, perfekt klingenden, gut gelaunten und mit einer kolossalen Setlist bestechenden Legende auch nur einen Zoll weit bestehen zu können. Udo, Fitty und ihre Mannen haben den armen Matt und seine neue Rasselbande ungespitzt in den Boden gerammt und absolut gnadenlos abgeräumt. Ganz ohne Fanbrille und belegbar durch die Tatsache, dass ich mit mindestens 5-10 Leuten gesprochen habe, die sich selbst kaum bis gar nicht für Udo-Fans halten und normal bei U.D.O. immer das Weite suchen, die zugegeben haben, wie bärenstark sich der alte Mann hier präsentiert hat. Kritik mag allenfalls an den beiden unnötigen Gitarrensoli aufkommen, die weder gut noch unterhaltsam waren. Dafür war Udo toll bei Stimme, die Band ein absolutes Uhrwerk und die Setlist eine echte Bombe. Nicht einmal eine Handvoll Accept-Klassiker, dafür jede Menge Perlen aus der näheren und ferneren U.D.O.-Geschichte, die beweisen, was für starke Songs der Mann auch ohne die Herren Kollegen aus Solingen gemacht hat. In der heutigen Form habe ich ehrlich gesagt mehr Spaß an U.D.O. als an den ACCEPT-Recken, deren schiere Power vom Anfang sich auch schon wieder abgenutzt hat.
Samstag:
SLINGBLADE -
Zum Frühstück angeschaut. Für nett aber auch für unspektakulär befunden. Hinterließ keinen bleibenden Eindruck.
DESASTER -
Die Band habe ich 1995 die ersten Male live gesehen, als sie noch mehr Black Metal war, und ich fand sie damals ungleich eindrucksvoller und charismatischer als heute. Immer noch ganz cool, aber die spezielle Aura jener Zeit ist verblichen. Hier hatten sie für meine Ohren einen ziemlich übersteuerten Sound und rumpelten ordentlich und nicht ganz tight durch die Botanik. Unterhaltsam, ja, sogar ganz gut, aber sicher kein Highlight des RHF.
D.A.D. -
Wie immer die Partybombe und Showmaschine schlechthin. Viel mehr muss man nicht sagen, die Jungs sind einfach Tiere, wenn's um Party und Show geht. Und um sinnfreie Ansagen, und um meist nicht allzu nachhaltig, aber immer gut gelaunt rockende Mitsinghymnen. "Sleeping My Day Away" bleibt unsterblich!
QUEENSRYCHE -
Den Spruch "Geoff who?" hat wohl am Samstag jeder Zweite der Anwesenden mal in den Mund genommen. Ich will hier nicht vor Euphorie übersprudeln, aber an dem Abend hat sicherlich alles gepasst. Die Songauswahl gespickt mit Klassikern der Alben 1-5 hat sich gewaschen und schreibt sich von und zu. Die zwei neuen Song halten das Level natürlich nicht, aber sie sind gut, und sie sind unverkennbar Progressive Metal und kein Alternaquälkram mit Nervfaktor 12, und Todd singt natürlich wie ein junger Gott. Nicht, dass Geoff das nicht auch könnte, aber da er offensichtlich seit Jahren keinen Bock mehr auf Metal und auch nicht auf kompromisslose Metal-Vocals hatte, ist für mich dieser Split ein dankenswertes Ereignis. So habe ich wenigstens noch einmal die Klassiker so gehört, wie ich sie gerne hören wollte. Ob mehr daraus wird? Ich hoffe es. Die Zeichen stehen nicht schlecht. Aber selbst wenn nicht: Das war die Sache wert!
Sonntag:
Bei ORCHID habe ich mich zwei Songs lang nach unten gequält. Es war mir viel zu heiß. Daher sofort wieder Abflug gen Schatten. Was ich gesehen habe, war ziemlich lässig gezockter, doomiger Retro-Metal mit Sabbath-Schlagseite, wie er heute überbordet. Nett, aber ich muss das echt nicht im größeren Stil haben.
TANK war danach dann mein einziges "journalistisches Pflicht-Thema" des Wochenendes. Der Auftritt war den Umständen entsprechen gut. Der Drachenkraftfronter wirkte auch nicht deplatzierter als Doogie White und die Songs, die sie spielten hatten Drive, waren nett anzuhören, und bei "Echoes", bei "Blood & Honour" und bei "This Means War" war dann auch der Drang zum Mitsingen da. Aber die Fragezeichen bleiben halt doch? Braucht man TANK ohne ein einziges Originalmitglied? Braucht man TANK ohne Algy Ward? Braucht man TANK mit einem SÄNGER? Braucht man Tank ohne "Don't Walk Away", ohne "Power Of The Hunter" und ohne "Filth Hounds"? Vermutlich eher nicht. Gebt der Band einen anderen Namen und spielt ein paar TANK-Covers, weil zwei von euch lange bei der Band dabei waren, das wäre auch in Ordnung. So fehlt halt die Räudigkeit, der Schmutz, die Panzerketten? Ein Panzer ohne den Staub des Krieges...
So, und dann kommen wir auch schon zu dem Punkt, wo ich dann in schöner Gewohnheit wieder den Board-Außenseiter spielen und dem Rest der Vorredner widersprechen muss. Denn SEPULTURA war toll! Ich bin - wie die meisten hier - wahrlich nie ein großer Fan der Band gewesen. Die Roots-Tribal-Groove-Trend-Geschichte ging mir damals ebenso auf den Zeiger, wie den meisten von euch usw... usf... ABER, und das ist ein riesiges ABER: Zum einen habe ich mit dem ganzen Pro- und Contra-Trendkram-Quatsch längst meinen Frieden gemacht, und zum anderen hat das Quartett am Sonntag einfach alles in Schutt und Asche gelegt. Der Sound war mächtig, Kissers Riffs unglaublich wuchtig und erdrückend, Paolo mit eine gut gelaunten Dauergrinsen unterwegs und Derrick Green ist einfach ein Tier von einem Frontmann, und auch die Setlist war - dafür, dass die erfolgreichsten Zeiten der Band zwischen 1990 und 1996 lagen - durchaus ausgewogen und bot mit "Biotech", "Troops Of Doom" und "Arise" auch durchaus ein bisschen was für die Altfans. Das hätte für mich gerne viel mehr sein dürfen, aber das muss man halt als Altfan auch akzeptieren können, wenn eine Band vor allem ihre Gegenwart und die erfolgreichsten Phasen präsentiert. Zumal mir die aktuelle Hardcore-lastige Thrash-Kiste eigentlich ziemlich gut gefällt. Für mich daher insgesamt tatsächlich die stärkste Band des Festivals.
So weh es mir dann letztlich tut, meinen Überhelden KING DIAMOND hinter dem Sepp und der entmählten Königin einzusortieren, so ist das dann doch Fakt, weil - zumindest an der Stelle und mit den Ohren, die ich zur Verfügung hatte, der Sound am Anfang eine Katastrophe und auch später alles andere als perfekt war. Übersteuert, oft so sehr, dass der Gesang verschwand, fiel es mir über weite Strecke schwer, den Gig so zu genießen, wie es hätte sein sollen. Davon abgesehen, war er aber dann doch toll. Der King war gut bei Stimme, auch wenn ich mich fragte, warum "At The Grave" Playback war (war es doch, oder?) und wie viel Backing Vocals Livia denn beisteuerte. Ansonsten war aber alles klasse. Tolle, bunt gemischte Songauswahl, fast alle Alben am Start (wirklich vermisst habe ich nur den Puppet Master), vor allem auch mein EWIGER Fave "The Graveyard" (wenn auch nicht mit dem besten Song), ÜBERRAGENDE Show, zwei MF-Klassiker. Jo. An sich alles gut. Wäre der Sound für mich noch perfekt gewesen, dann hätte der KING wohl die drei Hauptkonkurrenten geschlagen, so bleibt ihm ein geteilter Platz 3 in meinem Festival-Ranking:
1. Sepultura
2. Queensryche
3. King Diamond / U.D.O.
Cheerz und liebe Grüße an alle unter euch, die ich treffen durfte!
"It takes a thousand fans from any other band to make one Manowarrior!"- Sir Dr. Joey DeMaio, 2012
Primitivsoundkunst:
http://www.morbid-alcoholica.com/2016 A.Y.P.S. = 0 A.R.C.U.