Sektor Space

Hard Rock, Prog Rock, Art Rock, Progressive Metal ...

Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 13. September 2014, 21:08

Ladies, Gentlemen and other Species

...es ist schon sehr lange her, als ich zum ersten mal mit dem ersten Gedanken gespielt habe hier einen Space Rock Thread aufzumachen. Heute ist der Tag, an dem es nun doch stattfindet. Dieser Kapitel der Musik beschäftigt mich schon einige Zeit und ich würde gerne meine Entdeckungen in diesem Genre mit diesem tollen, aufgeschlossenen Board teilen. Freue mich jetzt schon auf Kommentare, Anregungen, Kritik und hoffentlich frischen Input. Und wenn nur einer einen Song von einer Band für sich entdeckt, bin ich glücklich. :smile2:


Space is deep

Wie so viele andere Rock Subgenres ist auch der Weltraumrock sehr breit aufgestellt und hat über die vielen Jahre der Existenz, nämlich bereits seit den 60ern, eine Unmenge an Bands hervorgebracht...
Und im Anbetracht dessen, dass es da noch unzählige Untergenres bzw. Spielstile innerhalb des Ganzen gibt, hat der Entdecker/Leser/Hörer evtl. einiges vor sich.

Na gut, es muss ja nicht alles auf einmal sein, darum fangen wir ganz langsam an. Ich versuche in dem Ablauf die ungefähre zeitliche Entwicklung einzuhalten, verspreche aber nicht dass es vollständig klappen wird, weil entweder a.) damals vieles parallel entstanden ist und man den genauen Überblick nur mit Musikhistorikern entziffern könnte b.) ich keine ''Zeit'' dafür habe und c.) mein Journalismus nur bedingt Geduld mit sich bringt, somit wird auch mal eine aktuellere Band dazwischengeschoben.

Attention: dieser Thread soll keine youtube Tapezierung bekommen, heiĂźt, ich werde keine Videos direkt einbetten sondern nur den Link fĂĽr den jeweiligen Anspieltipp niederschreiben. Ich denke somit bleibt es ĂĽbersichtlich und der Scrollfinger wird ein wenig geschont.



In the beginning

THE BEATLES

-Schweigeminute-

Alle schauen sich fragend um... ein mutiger steht auf und ruft in die Menge: ...was hat diese ''Mädchenband'' bei Space Rock zu suchen? Das ist ja unverschämt!!... Die Leute sind außer sich und beschimpfen den Moderator über die misslungene Veranstaltung, stehen auf und sind auf dem Weg zu gehen...

Hier rufe ich mit voller Kraft in den Saal: ...nein, wartet.... Bei diesem Ausruf fühle ich, dass ich mit meiner Vermutung Recht habe und diese kreativen Pilzköpfe den ersten Song from outa space komponiert haben.
Ich spreche mit einer ruhigen und kontrollierten Stimme ins Mikrofon: ...wer sich mal das Album Revolver bis zum Schluss angehört hat, musste feststellen dass ganz am Ende ein sehr abgefahrener Song drauf ist, einer der für die Band total untypisch, total unmainstreamig erscheint. Ich rede hier über Tomorrow Never Knows.

Entsetzte Gesichter im Publikum, alle schauen sich fragend um, keiner der anwesenden Musikkenner bietet eine Zustimmung und bevor eine heftige Diskussion losgeht mache ich lieber den Plattenspieler an:

1966 - Tomorrow Never Knows:
https://www.youtube.com/watch?v=kgYsrfaFxm0

Bild

Warum ist das Space Rock?
a.) Der Song beinhaltet diverse für die Zeit äußerst abstrakte Sound-Effekte.
b.) Es hat einen eingängigen, rockig treibenden Rhythmus, der für das Genre typisch ist.
c.) Die Instrumente verwirbeln sich chaotisch zu einem psychedelischen Strudel.
d.) Der Text bzw. die Wiederholung der Strophen hat eine hypnotische, berauschende Wirkung.

Attention: Ich muss dazu sagen, dass ich bis jetzt noch nirgendwo diese Meinung gelesen habe, vielleicht hört es auch jemand anders. Für mich ist das jedoch der Sound, den Hawkwind, Gong und viele andere Freaks danach verfolgt und ausgebaut haben.



PINK FLOYD

Ein Jahr später nach Revoler von The Beatles erscheint das Debüt der britischen Prog Rock Pioniere, betitelt mit The Piper at the Gates of Dawn. Und spätestens hier sollten sich die meisten Kritiker einig sein, der Opener aus der Feder von Syd Barrett stellt aus heutiger Sicht einen der wichtigsten Grundsteine für den Space Rock dar. Aber hört selbst:

1967 - Astronomy Domine
https://www.youtube.com/watch?v=pJh9OLlXenM

Bild

Vergleicht man jetzt den Song mit dem von Beatles, fällt auf dass sie auf eine Art und Weise verwandt sind. Aber das kann und soll jeder für sich selbst entscheiden.

Nach dem DebĂĽt haben Pink Floyd noch viele andere spacige Aufnahmen abgeliefert.
Ein Beispiel wäre das 1971 erschienene Meddle, das zugegeben mehr dem Prog Rock als Space Rock zuzuschreiben ist, dennoch sicherlich viel zu der Entwicklung des Genres beigetragen.

1971 - Meddle:
https://www.youtube.com/watch?v=Vm0VBWnUhvU

Ein atmosphärischer Longtrack zum Versinken und weggleiten. Kerzen an, Kopfhörer auf, die Regler höher einstellen, danach sollte eigentlich alles klar sein.



HAWKWIND

Bild

Ich komme nun zu den wohl bekanntesten Vertretern, oder besser gesagt den Urvätern dieser Musikrichtung. Sie haben das perfektioniert, was ihnen als Einfluss (Blues, Psychedelic Rock, Moody Blues, Krautrock ala NEU! uvm.) in den Schoss gelegt wurde. Keine andere Band hat diesen Stil so kompromisslos, mit so viel Herzblut, in guten und schlechten Zeiten, mit so vielen Line-Up Wechseln und Richtungsschwankungen ausgebaut und immer wieder bereichert wie Dave Brock und seine Gefährten.
Markante Merkmale instrumental: Saxofon, Flöte (ältere Werke), Violine (später), Keyboards, elektronische Effekte/Sounds, loopartig treibender Rhythmus, übereinander liegende Strophen, hypnotische Wiederholungen, simples + abgefahrenes Songwriting und ein eigener Kosmos der uns lediglich durch unsere Ohren zugänglich erscheint...


1970 – es beginnt ein eine neue Epoche für die Musik. Aus erster Sicht ein sehr trauriges Jahr – der Tod von Jimi Hendrix und Janis Joplin schockiert die Musikwelt, nein, die ganze Welt; die Auflösung der 'Pilzköpfe' (The Beatles) bringt nicht nur die weiblichen Fans um den Verstand; der letzte Auftritt von The Doors mit Jim ist nach dem auf und ab bandintern nicht sehr überraschend, dennoch alles andere als ein Happyend...

Doch wo es Schatten gibt, da gibt es auch Licht. Denn die Tatsache dass die 70er eine scheinbar unendliche Musiklandschaft für die Nachwelt hinterlassen haben, wird fast jedem Hardrocker, Metaller, Proger oder auch Pop-Fan klar sein. Künstler kommen und gehen, entscheidend ist das was von ihnen bleibt, und das ist ihr Talent andere Menschen zu begeistern, ihnen einige der wertvollsten Minuten ihres Lebens zu schenken, ihnen Honig um die Ohren zu schmieren, ihnen Märchen erzählen, sie lieben und aufbrausen, sie glücklich oder traurig machen, der beste Freund sein. Liebe.

Und genau an der Schwelle der extremen Veränderungen erscheint das Debüt der englischen Formation HAWKWIND und läutet eine lange, bis heute andauernde Reise durch ein ganz spezielles Gebiet ein.
Das selbstbetitelte Werk ist sehr in Psychedelia der 60er verwurzelt, bluesige Gitarre dominiert die Songs, die spezifischen Synthies werden nur sparsam eingesetzt, wenn auch hier und da schon die eigene Note aus der Zukunft zum Vorschein kommt. Das Monster wird hier nur langsam wach, doch eins steht fest, selbst das etwas andere erste Album klingt nach Hawkwind von heute. Sie waren schon immer eine Band mit vielen Masken, aber nur einem Gesicht.

1970 – Be Yourself:
https://www.youtube.com/watch?v=YDcoobrWMxM

Bild


Ein Jahr später, auf dem zweiten Longplayer greift man dann so richtig in die Vollen. In Search Of Space (allein der Titel!) zeigt eine Band, die genau weiß was sie spielen will – nämlich psychedelischen Monsterspace!
Bereits nach zwei, drei Minuten kann sich der Hörer für oder gegen die Band entscheiden, denn wenn man schon hier keine Sympathie für die Musik empfindet, kann man es theoretisch komplett sein lassen. Oder einfach weiterhören und sich überraschen lassen. Und es kommt noch besser, das Album ist der eigentliche Anfang des Wahnsinns und der Experimente.

Neben dem mächtigen Opener enthält das Album einen sehr berühmten Song namens Master Of The Universe. Das Hauptriff beschreibt zuerst die typische Eingängigkeit der Band, trifft im Verlauf auf diverse andere Instrumente, stets voran treibende Rhythmen und Sound-Effekte. Die Mixtur ergibt den Hawkwind Sound. Enjoy:

1971 – Master Of The Universe
http://www.youtube.com/watch?v=X3W7ch0oLeA

1971 - You Shouldn't Do That:
https://www.youtube.com/watch?v=RhUKB1DK3OE

Attention: Der zweitgenannte Song stellt fĂĽr den Autor die bis heute unerreichte Perfektion des Genres dar.


Album Nr. 3 - Doremi Fasol Latido folgt 1972. Vielleicht nicht das zugänglichste Album aus dem Gesamtwerk, doch nichtsdestotrotz sind hier große Nummern wie Brainstorm, Lord Of Light und Time We Left This World Today zu finden.
Im neuen Line-up ist erstmals ein gewisser Lemmy zu verzeichnen, der sogar mit The Watcher einen eigenen Song zu den Jam Sessions mitbringt, der Song landet auch schlieĂźlich auf dem Album.
Der Aufmacher Brainstorm gehört jedoch ganz allein dem (attention: für den Author -dem besten-) Saxophonisten Nik Turner. Ein 11 min. Epos, das mit überlappenden Gesangslinien, psychedelischen Ausbrüchen und ungewöhnlichen Ideen begeistert. Und space, space, space...

1972 – Brainstorm
http://www.youtube.com/watch?v=g0att2_Zc1A

Bild


Hall of the Mountain Grill kommt 1974 auf den Markt und definiert bis heute für viele den Höhepunkt ihrer ausgiebigen Diskographie. Kein Wunder eigentlich, denn auf dem Album befinden sich mit The Psychedelic Warlords, D-Rider, You'd Better Believe It und Pradox vier unterschiedliche Wege sich ins andere Universum versetzen zu lassen. Total abgespaced, anregend, aufbrausend, diese Songs ziehen einem wirklich die Welt unter den Füssen weg. Nebenbei genießt der Audiohile eine nahezu ideale Produktion, denn so und nicht anders muss Spacerock klingen!

1974 – D-Rider:
http://www.youtube.com/watch?v=8QjTdBYdguA

1974 – Paradox:
http://www.youtube.com/watch?v=GqWFCr3izJ8

Attention: FĂĽr den Autor landet die Scheibe auf Platz Nr. 2 der Diskographie, nach [i]Suche des Space natĂĽrlich.



to be continued...
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Re: Sektor Space

Beitragvon Boris the Enforcer » 13. September 2014, 21:16

Ganz klasse und Super toll. Da bekomme ich richtig Laune die Alben wieder aufzulegen und warte gebannt darauf, wie es weitergeht.
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Re: Sektor Space

Beitragvon Pavlos » 13. September 2014, 21:19

Yeah, Ohrgasm!!!!

Ich liebe solche Threads!!!!

:yeah:
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Re: Sektor Space

Beitragvon Fire Down Under » 13. September 2014, 21:46

Absolut elefantös! Da mach ich mir doch gleich ein neues Bier auf und lausche den Klangbeispielen! Wunderbar, weiter so!! :yeah:
:ahasoso:

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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 13. September 2014, 22:19

Danke, liebe Kollegen!! Jetzt mach ich mir auch noch ein Bierchen auf... :yeah:
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Re: Sektor Space

Beitragvon ricomortis » 13. September 2014, 22:55

Chapeau, Danke und Prost!
Da ich eh gedachte, meine Sammlung beatlestechnisch zu erweitern, darf da jetzt also Revolver folgen. Und auch wenn ich zu denen gehörte, die erstmal den Moderator bepöbelt haben, kann ich die Einordnung von "Tomorrow Never Knows" als Space Rock gut nachvollziehen.
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Re: Sektor Space

Beitragvon Metalfranze » 13. September 2014, 23:40

SUPER!
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Re: Sektor Space

Beitragvon Prof » 14. September 2014, 09:00

Sonntagmorgen.
Laptop an, Arbeit ruft.
Erstmal ins SMB schauen.
Ohri in space.
Smiley einfĂĽgen.
:smile2:
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 14. September 2014, 10:26

Danke @ Feedback!!!

Ohri an Prof: einen schönen Arbeitstag, ich space hier oben noch etwas ab... :smile2:
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 22. September 2014, 22:14

AGITATION FREE
– Malesch (1972)

Bild

Stellt Euch eine Mischung aus meist instrumentalem Krautrock, Space und orientalischen Klängen vor und Ihr habt nur ansatzweise eine Ahnung was diese deutsche Truppe damals gemacht hat.
1972 – der Hochsommer im progressiven Deutschland, eine höchstkreative Gruppe wirft eine Aufnahme auf den Markt die mit der Leichtigkeit und dem sparsamen Reichtum im Detail (an dieser m.M.n. treffenden Formulierung saß ich 2h!) ihresgleichen sucht.
Bereits zu Beginn des Albums versucht die Musik den Hörer in Ekstase zu werfen, gemeint ist der verspielte Aufbau mit der weiten Basslinie. Nach und nach steigert sich das Geschehen, ein bis heute nicht im geringsten verstaubtes Krautvergnügen, an ein Weghören ist kaum zu denken. Wie bei einer gelungenen, mitreißenden Geschichte ist die Spannung auf das unerwartete Ende (Feuerwerk!) vergleichbar hoch.

Wie schon erwähnt, spielen orientalische oder besser gesagt exotische Klänge eine entschiedene Rolle. Doch darum geht es nicht explizit, den üblichen Instrumenten voran trägt der Bass ungemein viel zur Wiedererkennung bei, beim Hören wisst Ihr sofort was ich meine. Das Keyboard, dezent und effektiv eingesetzt ist im positiven Sinne hinterhältig, legt aber das eigentliche kosmische Fundament. Vor dem Schlagzeug nehmen sich alle gerne zurück, noch ein markanter Punkt. Und die Gitarren, nun, sie versuchen sich zwar aufzusparen, scheitern damit aber gewollt bzw. sehr erfolgreich...

Warum Space? Hört Euch mal Khan El Khalili an:
http://www.youtube.com/watch?v=EYXuzijN6oY
Viel kosmischer war Deutschland zumindest in den frĂĽh70ern nicht. Pflicht!
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Re: Sektor Space

Beitragvon Prof » 22. September 2014, 22:51

Yeah! Fantastisches Krautzeugs. Die spielten mit zwei Schlagzeugern, wie man auch in dieser seltenen ORTF-Aufnahme aus dem Jahre 1973 feststellen kann:

https://www.youtube.com/watch?v=oGWSILbP4S0

(Auf deinen Wunsch hin möchte ich den Sektor Space-Thread nicht mit YT-Links zumüllen, aber es is einfach zu geil, daher nur der Link als URL-Kompromiss. Man achte auch auf den Gitarristen im coolen Boule & Bill-Shirt.)
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 24. September 2014, 22:03

Prof hat geschrieben:Yeah! Fantastisches Krautzeugs. Die spielten mit zwei Schlagzeugern, wie man auch in dieser seltenen ORTF-Aufnahme aus dem Jahre 1973 feststellen kann:

https://www.youtube.com/watch?v=oGWSILbP4S0

(Auf deinen Wunsch hin möchte ich den Sektor Space-Thread nicht mit YT-Links zumüllen, aber es is einfach zu geil, daher nur der Link als URL-Kompromiss. Man achte auch auf den Gitarristen im coolen Boule & Bill-Shirt.)


Danke! :smile2:
Kompletter Wahnsinn... wo sind solche Bands heute, was war das damals?
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Re: Sektor Space

Beitragvon Hofi » 25. September 2014, 16:15

WOW.
Da ignoriere ich diesen Thread absichtlich, da ich Angst habe wieder auf eine neue alte Band zu stoĂźen, die meinen Gelbeutel belastet.

Und dann so etwas!!

Ein wundervoller Zusammenschrieb fĂĽr eine wundervolle Musik, ich spĂĽre die Begeisterung in jedem Wort.

DANKE
<3 <3 <3
Sacrifice to vice or die by the hand of the Sinner!
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 25. September 2014, 19:40

Hofi hat geschrieben:WOW.
Da ignoriere ich diesen Thread absichtlich, da ich Angst habe wieder auf eine neue alte Band zu stoĂźen, die meinen Gelbeutel belastet.

Und dann so etwas!!

Ein wundervoller Zusammenschrieb fĂĽr eine wundervolle Musik, ich spĂĽre die Begeisterung in jedem Wort.

DANKE
<3 <3 <3


Merci! <3
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Re: Sektor Space

Beitragvon Prof » 28. September 2014, 13:38

Ohrgasm hat geschrieben:Kompletter Wahnsinn... wo sind solche Bands heute, was war das damals?


Endlich finde ich etwas Zeit, dir zu antworten. Es sind nur einige Observationen, Sachen die mich beschäftigen.

Was das damals war: eine andere Zeit - man müsste eigentlich schreiben: eine andere Ära - und eine andere Mentalität.
Ein anderes Empfinden tout court, nicht 'nur' der Musik an sich, sondern des Lebens. Gerade deswegen ĂĽben Prog- und Krautrock, uns insbesonders auch der Rock Progressivo Italiano der Siebziger eine ungemeine Faszination auf mich aus.

Als ich mir am Ende der Siebziger meine erste LP kaufte, hatten nicht nur diese Stile ihren kreativen Zenit bereits überschritten, der '68er Spirit, aus dem das alles entstanden war, war längst von der konservativen Konsumgesellschaft beerdigt worden. Ich war ein 14-jähriger Schüler als in der westeuropäischen 'Welt' diese Entnüchterung um sich griff. Eine Desillusion die dann anfang der Achtziger zum deprimierenden no future-Denken wurde. Ich konnte damit, als Kind der Siebziger, überhaupt nichts anfangen, und logischerweise habe ich Punk gehasst, obwohl ich damals noch gar nicht so recht kapierte was mich an dieser Musik und Subkultur masslos irritiert.
Jetzt haben wir 2014, und ich weiss jetzt ganz genau weswegen ich schon damals Punk nicht leiden konnte. Diese Musik hat mir weder von der Anti-Ästhetik, noch vom Inhalt (oder wie auch immer man die vertonte Monotonie des Negativismus nennen möchte) her etwas zu sagen. Dafür erkenne ich mich in Prog, Kraut und Psych wieder. Ja, das ist vertonter Positivismus. Musik für Schöngeister und Eskapisten - ein vielfarbiges Refugium für Hippies, egal von welcher Generation.

Und wo solche Bands heute sind?
Nun, die Welt ist wie gesagt eine völlig andere. Dennoch gibt es im Retrobereich, im Postrock und Prog viele Bands die es sich zumindest musikalisch nicht einfach machen, die gezielt und wohlwissend Undergroundklänge produzieren. Nur hat der Begriff Underground nicht dieselbe Bedeutung und vor allem nicht dasselbe Feeling wie damals, als man Leute kannte die wieder Leute kannten die von Band X oder Y schwärmten, ein Konzert oder ein Festival organisierten. Der handgezeichnete Flyer von 1974 ist 2014 ein Facebook-Event. Damit muss man sich als Nostalgiker leider abfinden.
In gewisser Weise ist aber die Musik selbst noch genau so Underground wie sie es 1974 war, vielleicht sogar etwas mehr: gab es früher noch Radiosendungen die sich ausserhalb von Hitparadekommerz bewegten, heute sind es fast nur noch Formats mit von Rechnern zusammengestelltem Dudelzeugs. Gar noch grösser ist die Medienverblödung geworden, bestimmt von einer kleinen Gruppe in den Chef-Étagen.

Gut, 'solche' Bands heute. Um mal ein aktuelles Beispiel hervorzuheben: gestern abend spielten Monomyth ihren ersten Further-Gig, in Utrecht in einem Laden irgendwo in einem Semi-Industriegebiet. Wie ich, nach einer bizarren Busfahrt und einer impromptu Stadtwanderung letztendlich doch noch zum Venue gelang, wo der Support Act eine Dreiviertelstunde verspätet anfing (hatten sich wohl auch verfahren und verlaufen), ist fast eine Mini-Geschichte mit Siebzigerflair.
Und Monomyth, die fünf Jungs aus Den Haag, Hauptstadt der niederländischen Beat-Geschichte, spielten sich an diesem Abend geradezu in einen Rausch. Besonders Thomas van den Reydt an der Double Neck-Gitarre war eine Wucht für sich. Der megageile Gig wirkte wie ein authentisches Heraufbeschwören der Atmosphäre des Kraut- und Spacerock der seeligen Siebziger. Nur ohne Tabakrauchschwaden.
Das Publikum war besonders gemischt: Hornbrillenmonturvollbarthipster neben Neu-Progger im Ayreon-Shirt, ausflippende Typen neben Ruhig-ein-Pils-Trinker, Küken neben Geriatriker. Stimmung: entspannt, freundlich, begeistert. Und das bei einer Band mit langen Songs und ohne Mitsingfaktor. Dass auch der Sound rulte, kam nicht von ungefähr: am Mischpult stand kein geringerer als Walter Hoeijmakers a.k.a. Mr. Roadburn.
Ja, das ist Underground, auch wenn es in bestimmten Rock- und sogar Popkreisen momentan hip ist. Im Radio läuft diese Musik nicht oder fast nicht, die Songs sind zu lang, zu heavy und zu strange. Im Grunde genommen hat sich für wirklich gute Rockmusik erschreckend wenig geändert. Sucht man ihn nicht selbst, bleibt er verschollen.

Um deine Frage, was das damals war, zusätzlich noch mit einem Buchtip zu beantworten: besorg' dir mal (wenn du es nicht längst getan hast) Der Klang der Revolte - Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground von Christoph Wagner. Dieses akribisch recherchierte, liebevoll geschriebene Buch, 2013 bei Schott erschienen, ist mit seinen 386 Seiten sowas wie das Kaleidoskop dieser turbulenten Ära. Eine Zeitmaschine aus Papier.
Einige Kapiteltitel gefällig? Kosmische Sounds und sphärische Klänge, Festivalitis, Vorsicht: Popkommune!, Neugier ist die schlimmste Droge... Klingt einladend, das alles, oder? Hier geht's lang:

http://www.amazon.de/Der-Klang-Revolte-westdeutschen-Musik-Underground/dp/3795708427

So, letzte Sätze dieses rein subjektiven, Bilder-und-Smiley-freien, und, mea culpa, mal wieder viel zu ausschweifenden Beitrags.
Ich freue mich auf die nächsten space-igen Ausführungen deinerseits. Aber lass dir ruhig Zeit. Denn sich Zeit nehmen gehört zu dieser Musik und dieser Ära, ist vielleicht sogar eine ihrer wichtigsten Komponenten.

'Earth calling Ohrgasm, earth calling Ohrgasm, come in, Ohrgasm...'
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