Sektor Space

Hard Rock, Prog Rock, Art Rock, Progressive Metal ...

Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 30. September 2014, 21:55

Ohrgasm hat geschrieben:Kompletter Wahnsinn... wo sind solche Bands heute, was war das damals?


Prof hat geschrieben:Endlich finde ich etwas Zeit, dir zu antworten. Es sind nur einige Observationen, Sachen die mich beschäftigen.


Danke fĂĽr den tollen, ausfĂĽhrlichen Bericht und Einblick in (deine) Vergangenheit.
Ja, die Zeit ist eh knapp geworden... und wir entfernen uns quasi freiwillig von der Gemütlichkeit und Ruhe. Ich bin momentan froh abends konzentriert ein Paar Album hören zu können, die Müdigkeit kann die Begeisterung schon arg trüben... Nun ja, kommt Umzug - kommt Rat.


Prof hat geschrieben:Was das damals war: eine andere Zeit - man müsste eigentlich schreiben: eine andere Ära - und eine andere Mentalität.
Ein anderes Empfinden tout court, nicht 'nur' der Musik an sich, sondern des Lebens. Gerade deswegen ĂĽben Prog- und Krautrock, uns insbesonders auch der Rock Progressivo Italiano der Siebziger eine ungemeine Faszination auf mich aus.


Sehe ich auch so bzw. habe ich mir immer so vorgestellt. Lebensstil, Mentalität, keine digitale Welt, Nähe, etwas zu schätzen wissen, (mehr) Freiheit etc., solche Begriffe kursieren beim Hören dieser Musik immer wieder durch den Kopf. In Verbinung mit dem was mir meine Eltern über die Zeit so erzählen, übt das auf mich ebenso eine großen Faszination aus.

Spontanes Ausschweifen Ă  la Ohri:
Heutzutage gibt es irgendwie einfach viel zu viel von was-auch-immer in allen Sorten und Farben, es ist alles möglich, alles zugänglich, und dabei muss man nicht mal wirklich was leisten. Es driftet langsam wirklich in den puren Konsum ab, zumindest was ich in meinem größeren Umfeld so mitbekomme, die Menschen kaufen sich Sachen weil sie es können und nicht weil sie darauf angewiesen sind, sie schätzen ganz schnell nicht mehr was sie schon haben. Dabei amüsieren sie sich ganz gemütlich und stets respektlos über das was war, lachen über vergangene Technik, alte Kleidung, alte Kunst, alten Lebensstil, alte Musik! Und das sind dann meistens die Menschen, welche sich andauernd über ihr eigenes (freies? glückliches?) Leben, große Rechnungen, Straßenverkehr, Raumtemperatur usw. beschweren. Kann man da von persönlicher Freiheit und Zufriedenheit sprechen? Das bezweifle ich ganz stark. Da bleibt doch nur eine moderne Welt mit ASO-TV (copyright Badesalz), Urlaub mit Vollpension, Gefühlskälte, Verschlossenheit gegenüber außenseitigen, nicht der Gesellschaft entsprechenden Aktivitäten/Ansichten/Leidenschaft, in diesem Fall Musik. Und ein Ende der schrumpfenden Nostalgie Gemeinde ist aus meiner Sicht bereits zu spüren, wenn es auch ziemlich pessimistisch klingt...


Prof hat geschrieben:Als ich mir am Ende der Siebziger meine erste LP kaufte, hatten nicht nur diese Stile ihren kreativen Zenit bereits überschritten, der '68er Spirit, aus dem das alles entstanden war, war längst von der konservativen Konsumgesellschaft beerdigt worden. Ich war ein 14-jähriger Schüler als in der westeuropäischen 'Welt' diese Entnüchterung um sich griff. Eine Desillusion die dann anfang der Achtziger zum deprimierenden no future-Denken wurde. Ich konnte damit, als Kind der Siebziger, überhaupt nichts anfangen, und logischerweise habe ich Punk gehasst, obwohl ich damals noch gar nicht so recht kapierte was mich an dieser Musik und Subkultur masslos irritiert.
Jetzt haben wir 2014, und ich weiss jetzt ganz genau weswegen ich schon damals Punk nicht leiden konnte. Diese Musik hat mir weder von der Anti-Ästhetik, noch vom Inhalt (oder wie auch immer man die vertonte Monotonie des Negativismus nennen möchte) her etwas zu sagen. Dafür erkenne ich mich in Prog, Kraut und Psych wieder. Ja, das ist vertonter Positivismus. Musik für Schöngeister und Eskapisten - ein vielfarbiges Refugium für Hippies, egal von welcher Generation.


Ich kenne mich mit dem alten Punk nicht aus und höre es auch nicht, gibt mir nicht wirklich was.
Auf der anderen Seite schätze ich schon einige von Punk beeinflusste Bands wie Amebix, Sacrilege, Doom, oder alten Crust allgemein, sowie auch diverse Thrashbands, deren Genre ja auch ohne Punk undenkbar fast wäre.
Ich brauche auch diesen Ausgleich zwischen (meistens) positiver Progmusik und dem lass-uns-abreagieren Part. Es soll einfach zur Stimmung passen.


Prof hat geschrieben:Und wo solche Bands heute sind?
Nun, die Welt ist wie gesagt eine völlig andere. Dennoch gibt es im Retrobereich, im Postrock und Prog viele Bands die es sich zumindest musikalisch nicht einfach machen, die gezielt und wohlwissend Undergroundklänge produzieren. Nur hat der Begriff Underground nicht dieselbe Bedeutung und vor allem nicht dasselbe Feeling wie damals, als man Leute kannte die wieder Leute kannten die von Band X oder Y schwärmten, ein Konzert oder ein Festival organisierten. Der handgezeichnete Flyer von 1974 ist 2014 ein Facebook-Event. Damit muss man sich als Nostalgiker leider abfinden.
In gewisser Weise ist aber die Musik selbst noch genau so Underground wie sie es 1974 war, vielleicht sogar etwas mehr: gab es früher noch Radiosendungen die sich ausserhalb von Hitparadekommerz bewegten, heute sind es fast nur noch Formats mit von Rechnern zusammengestelltem Dudelzeugs. Gar noch grösser ist die Medienverblödung geworden, bestimmt von einer kleinen Gruppe in den Chef-Étagen.


Ich weiĂź ganz genau was du meinst und halte meinen Kommentar kurz, weil einfach nichts hinzuzufĂĽgen habe...
Apropos Krautrock, kennst du zufällig die relativ spät entstandene Band Electric Orange und kannst mir da was zu sagen? Ich habe mir das vorletzte Album sowie den neuen Track angehört und war hin und weg. Sehr space-ie auch:
http://www.youtube.com/watch?v=GaC6A28UxKg


Prof hat geschrieben:Gut, 'solche' Bands heute. Um mal ein aktuelles Beispiel hervorzuheben: gestern abend spielten Monomyth ihren ersten Further-Gig, in Utrecht in einem Laden irgendwo in einem Semi-Industriegebiet. Wie ich, nach einer bizarren Busfahrt und einer impromptu Stadtwanderung letztendlich doch noch zum Venue gelang, wo der Support Act eine Dreiviertelstunde verspätet anfing (hatten sich wohl auch verfahren und verlaufen), ist fast eine Mini-Geschichte mit Siebzigerflair.
Und Monomyth, die fünf Jungs aus Den Haag, Hauptstadt der niederländischen Beat-Geschichte, spielten sich an diesem Abend geradezu in einen Rausch. Besonders Thomas van den Reydt an der Double Neck-Gitarre war eine Wucht für sich. Der megageile Gig wirkte wie ein authentisches Heraufbeschwören der Atmosphäre des Kraut- und Spacerock der seeligen Siebziger. Nur ohne Tabakrauchschwaden.
Das Publikum war besonders gemischt: Hornbrillenmonturvollbarthipster neben Neu-Progger im Ayreon-Shirt, ausflippende Typen neben Ruhig-ein-Pils-Trinker, Küken neben Geriatriker. Stimmung: entspannt, freundlich, begeistert. Und das bei einer Band mit langen Songs und ohne Mitsingfaktor. Dass auch der Sound rulte, kam nicht von ungefähr: am Mischpult stand kein geringerer als Walter Hoeijmakers a.k.a. Mr. Roadburn.
Ja, das ist Underground, auch wenn es in bestimmten Rock- und sogar Popkreisen momentan hip ist. Im Radio läuft diese Musik nicht oder fast nicht, die Songs sind zu lang, zu heavy und zu strange. Im Grunde genommen hat sich für wirklich gute Rockmusik erschreckend wenig geändert. Sucht man ihn nicht selbst, bleibt er verschollen.


Danke für den schönen Livebericht, ich freue mich die Band bald näher kennenzulernen. Beide Alben sind bereits für Oktober vorgemerkt, mehr dann im entpsrechenden Thread.


Prof hat geschrieben:Um deine Frage, was das damals war, zusätzlich noch mit einem Buchtip zu beantworten: besorg' dir mal (wenn du es nicht längst getan hast) Der Klang der Revolte - Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground von Christoph Wagner. Dieses akribisch recherchierte, liebevoll geschriebene Buch, 2013 bei Schott erschienen, ist mit seinen 386 Seiten sowas wie das Kaleidoskop dieser turbulenten Ära. Eine Zeitmaschine aus Papier.
Einige Kapiteltitel gefällig? Kosmische Sounds und sphärische Klänge, Festivalitis, Vorsicht: Popkommune!, Neugier ist die schlimmste Droge... Klingt einladend, das alles, oder? Hier geht's lang:

http://www.amazon.de/Der-Klang-Revolte-westdeutschen-Musik-Underground/dp/3795708427


Das Buch ist heute angekommen! So eine Lektüre wollte ich mir schon längst zulegen, danke für den Hinweis. Ich bin mehr als gespannt was mich erwartet, die Beschreibung liest sich schon mal sehr spannend. Feedback kommt!


Prof hat geschrieben:So, letzte Sätze dieses rein subjektiven, Bilder-und-Smiley-freien, und, mea culpa, mal wieder viel zu ausschweifenden Beitrags.
Ich freue mich auf die nächsten space-igen Ausführungen deinerseits. Aber lass dir ruhig Zeit. Denn sich Zeit nehmen gehört zu dieser Musik und dieser Ära, ist vielleicht sogar eine ihrer wichtigsten Komponenten.


Ich mich auch. Und ja, diesmal wird der nächte Bericht etwas länger auf sich warten lassen. In meiner knappen Zeit momentan muss ich mir erstmal einen genauen Überblick und Struktur für das Kommende verschaffen.

Stay spaced!


Prof hat geschrieben:'Earth calling Ohrgasm, earth calling Ohrgasm, come in, Ohrgasm...'


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Re: Sektor Space

Beitragvon warstarter » 1. Oktober 2014, 05:36

Ohrgasm hat geschrieben:Apropos Krautrock, kennst du zufällig die relativ spät entstandene Band Electric Orange und kannst mir da was zu sagen? Ich habe mir das vorletzte Album sowie den neuen Track angehört und war hin und weg. Sehr space-ie auch:
http://www.youtube.com/watch?v=GaC6A28UxKg]


Oh ja, Electric Orange sind sehr zu empfehlen, richtig gut kenn ich zwar nur die ersten zwei Scheiben, für den Rest hat es nur zum 4 - 5 maligen Hören gereicht, aber die sind excellent.
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 3. Oktober 2014, 10:09

warstarter hat geschrieben:
Ohrgasm hat geschrieben:Apropos Krautrock, kennst du zufällig die relativ spät entstandene Band Electric Orange und kannst mir da was zu sagen? Ich habe mir das vorletzte Album sowie den neuen Track angehört und war hin und weg. Sehr space-ie auch:
http://www.youtube.com/watch?v=GaC6A28UxKg]


Oh ja, Electric Orange sind sehr zu empfehlen, richtig gut kenn ich zwar nur die ersten zwei Scheiben, für den Rest hat es nur zum 4 - 5 maligen Hören gereicht, aber die sind excellent.


Danke fĂĽr die RĂĽckmeldung!
Habe mir nun das neue Album bestellt, da mich der Song unglaublich neugierig auf mehr macht...
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Re: Sektor Space

Beitragvon warstarter » 5. Oktober 2014, 20:07

Gern geschehen, ich hab die Band ca 1994 kennengelernt, seinerzeit gab es noch Delerium Records, bei denen ich ne Menge wunderbarer Psychedelic Sachen geordert habe. Delerium hatten ja so phantastische Bands wie Omnia Opera, Saddar Basar, On Trial oder Porcupine Tree unter Vertrag (falls Die welche gemacht haben) und die Mailorder Liste war sehr gut bestĂĽckt.
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Re: Sektor Space

Beitragvon Flossensauger » 5. Oktober 2014, 20:24

Hier findet ihr die Spacerockliste der babyblauen Seiten, mag sein das der eine oder andere die noch gar nicht kennt:

http://www.babyblaue-seiten.de/index.php?content=list&genrecont=32
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Re: Sektor Space

Beitragvon Pavlos » 10. November 2014, 17:58



Der 70er-Cover Thread hat erste Spuren im Geldbeutel hinterlassen. Durch den Thread bin ich die letzten Tage (mal wieder) total in die Siebiziger abgetaucht, musste unbedingt die ein oder andere schon länger auf der Einkaufsliste stehende Scheibe bestellen, und habe unzählige Stunden auf streamenden Progseiten und natürlich auch youtube verbracht. Dabei bin ich u.a. über die Italiener LA COMPAGNIA DIGITALE gestolpert, die Ende der 70er ein paar feine Space Rock Nummern live eingespielt haben, welche 1992 dann auch auf CD veröffentlicht wurden. Leider scheint das Teil verdammt rar zu sein, aber die Songs gefallen mir ausgesprochen gut und sollten ihren Weg auf diverse Suchlisten finden. Enjoy.
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Re: Sektor Space

Beitragvon Ohrgasm » 25. Juli 2015, 13:24

Uups, habe den letzten Beitrag komplett verschlafen...
Space, baby! Gefällt mir sehr gut, käuflich erwerben wird wohl erstmal nicht drin sein, schade.


PS: Im Thread gehts bald weiter, es muss weiter gehen, ich WILL dass es weiter geht. Space is deep! :yeah:
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Re: Sektor Space

Beitragvon Flossensauger » 16. Juli 2017, 01:57

Black Space Riders - Refugeeum

(beachte die Schreibweise, ist nicht die Thin Lizzy Nachfolgeband!)


Zufallsfund in der Grabbelkiste, gutes Review aus dem Rock Hard in Erinnerung, mal einen Song auf dem "Eclipsed" Sampler gehört.

Kennen ihre Ahnen.
Also Hawkwind, Floyd/Sid Ă„ra, ganz bisschen Neurosis (Souls/Enemy Zeiten), ganz bisschen "neue" Elektroniker (da kenne ich mich nicht aus, Mogwai und Asphex Twins werden es wohl sein) und ganz viel junger Steven Wilson zu Porcupine Tree Zeiten. Das da Acid als Musikrichtung oder Wirkstoff eine Rolle gespielt hat wĂĽrde ich auch nicht anzweifeln, ist nicht meine Welt.
Machen alles ganz entspannt. Machen nix neues, nix weltbewegendes. MĂĽssen sie auch gar nicht. Funktioniert bestimmt auch gut mit diversen Substanzen.

http://www.blackspaceriders.com/

Dieser Song, ist nur ein kurzer Ausschnitt zeigt wohin es gehen kann:

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